Victor Papanek: Design For The Real World

»Design For The Real World – Human Ecologie and Social Change«. Über eine Chance auf Überleben durch Design.


Durch die Arbeit an dem Buch Designzukunft denken und gestalten bin ich erstmalig auf Victor Papanek (1923 - 1998) aufmerksam geworden. Sein Buch »Design für die reale Welt: Anleitung für eine humane Ökologie und sozialen Wandel« ist erstmalig 1971 englischsprachig erschienen und 1985 eine zweite, überarbeite Auflage. 2009 wurde posthum von Gerald Bast (als Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien) u.a. eine kommentierte Neuübersetzung realisiert.

An seinem Werk fasziniert mich sein alternativer Designbegriff und die damit verbundene Kultur- und Konsumkritik, die sozialen und ökologischen Prinzipien für eine demokratische, dezentralisierte und partizipatorische Designpraxis.

Die Hauptadressaten seiner Kritk spricht er zu Beginn seines Vorwortes zur ersten Auflage an: »Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Industriedesigners, aber viele sind es nicht. Verlogener ist wahrscheinlich nur noch ein Beruf; Werbung zu machen, die Menschen davon überzeugen, dass sie Dinge kaufen müssen, die sie nicht brauchen, um Geld, das sie nicht haben, damit sie andere beeindrucken, denen das egal ist, – das ist vermutlich der schlimmste Beruf, den es heute gibt

Neben der Definition des Funktionskomplexes Design und der Kurzdarstellung der industriellen Formgebung, geht er auf die soziale und moralische Verantwortung des Designers ein. Er versäumt jedoch auch nicht, darauf hinzuweisen, dass in unserer Gesellschaft die hoch kreativen Menschen wegen ihrer nonkonformistischen Eigenständigkeit bestraft werden. Was es schwierig und entmutigend macht, Problemlösungen zu lehren. Wir werden zur Anpassung (Konformität) motiviert. Wobei Konformismus durchaus wertvoll ist, soweit er dabei hilft, das gesamte soziale Gefüge zusammenzuhalten. »Wir haben jedoch den schwersten Fehler dadurch gemacht, dass wir Konformität im Handeln mit Konformität im Denken verwechselt haben

Für die Designausbildung propagiert er ein intergriertes Design (als Ganzem), für das wir Designer brauchen, die in der Lage sind, sich mit dem Designzprozess in umfassender Weise auseinanderzusetzen. Ihre Ausbildung müsste weniger spezialisiert sein und viele Disziplinen umfassen, die nur entfernt mit Design verbunden betrachtet werden. Ein Teil des philosophische und moralische Bankrotts liegt in der Tendenz, Studierende zu vertikal spezialisierten Personen mit einer schmalen Bandbreite an Wissen zu machen. Liegt doch der wirkliche Bedarf bei Generalisten oder »Synthetikern« mit einer großen Bandbreite.

Er schließt seine Argumentation mit der Feststellung, dass wenn Design ökologisch  verantwortungsbewusst und sozial verträglich sein soll, es revolutionär und radikal sein muss. Es muss dem natürlichen Prinzip des geringsten Aufwands entsprechen, also ein Maximum mit Hilfe eines Minimums erzielen: weniger konsumieren, Dinge länger benutzen und sparsam mit wiederverwertbaren Materialien umgehen. »In vielen Bereichen müssen die Designer das Umgestalten lernen. So können wir noch eine Chance auf Überleben durch Design haben

Also: keine Oberflächlichkeit, keine Kosmetik, kein Styling!
Sondern: Weltveränderung, Lebensrettung, Nachhaltigkeit!

Mein Vorschlag: Designer für eine reale (reelle) Welt – mit dem Mut zum Wandel.

Eigentlich erübrigt sich die Empfehlung, dieses Buch als Pflichtlektüre zu betrachten – weil selbstverständlich. Um des eigenen selbst willen.

Springer-Verlag, Wien 2009
ISBN 978-3-211-78892-9


Joachim Kobuss · Februar 2012