Ulrich Bröckling: Kreativität

»Über Kreativität. Ein Brainstorming«. Kreativität ist ein unexakter Begriff. Wenig geeignet zur Differenzierung.

Der Soziologe Ulrich Bröckling ist mir erstmals durch sein Buch »Das unternehmerische Selbst« (Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 2007) aufgefallen. Darin stellt er die Ambivalenz des kategorischen Imperativs »Handle unternehmerisch!« in einer Diagnose der gegenwärtigen Gesellschaft dar.

In dem im Dezember 2010 erschienenen Sammelband »Kreation und Depression – Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus« setzt er sich (wie auch schon in »Das unternehmerische Selbst«) kritisch mit dem Begriff Kreativität auseinander.

Er beleuchtet die vielfältigen Fassetten dieses unexakten Begriffs und listet u.a. einige Assoziationen zum kreativen Handeln auf: vom künstlerischen Handeln über Produktion, probelmlösendes Handeln, Revolution und Leben bis zum Spiel. Welche Methapher oder mehrere zugleich auftreten, hängt seiner Ansicht nach davon ab, welche schöpferischen Potentiale gerade gefordert sind und gefördert werden sollen.

Historisch betrachtet, ist der Begriff ein US-Import aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Reaktion auf die Einseitigkeit herkömmlicher Intelligenztests entwickelt, ging es um die frühzeitige Identifizierung wissenschaftlicher Talente und anderer high potentials. Man suchte nach effizienten Verfahren des personality assessment. Es ging um das was die Gesellschaft benötigte, nach dem Motto: Werde, was du bist, und du wirst sein, was wir brauchen.

Kreativität ist normal und streut sich entsprechend der Gaußschen Normalverteilung. Das Attribut »kreative« adelt noch die banalsten Tätigkeiten – von der Arbeit des Creativ Coiffeurs bis zur kreativen Buchführung des Bilanzfäschers – merkt Ulrich Bröckling an.

Kreativität ist etwas, das jeder besitzt, das alle unter Beweis stellen sollen, etwas, von dem man nie genug haben kann und das man durch methodische Anleitung und Übung steigern kann.

Kreativität ist eine ökonomische Ressource, die der Markt mobilisiert und verbraucht. Unternehmerisches Handeln erfordert permanente Innovation und fortwährende schöpferische Anstrengung. Jeder muss hier nicht nur kreativ sein, sondern kreativer als die anderen.

Kreativität lässt sich weder anordnen, noch in Lehrplänen oder Arbeitsverträgen pressen. Man kann nicht befehlen, was unbestimmt ist, allenfalls Faktoren angeben, die schöpferische Akte wahrscheinlich machen. Kreativitätsförderung ist Kontextsteuerung – sie schafft nichts, sie ermöglicht – stellt Ulrich Bröckling fest.

Kreativität und wer kreativ ist wird in psychlogischen Ratgebern widersprüchlich definiert. Der Autor hat daher einen ebenso einfachen wie unfehlbaren Kreativitätstest – nach einem Entwurf von Niklas Luhmann – abschliessend vorgestellt: »Es handelt sich um einen Selbsttest, der aber auch einem Abfrageverfahren zu Grunde gelegt werden kann; und es handelt sich um einen Zweistufentest. Auf der ersten Stufe ist eine ganz einfache Verhaltensregel zu befolgen: Man nehme sein Gewissen und gehe in das Nachbarzimmer. Wenn man feststellt, dass der Nachbar Bücher liest, die man selbst noch nicht gelesen hat, und wenn man dann ein schlechtes Gewissen verspürt, ist man nicht kreativ. Man will ja nur nachahmen. Wenn man dagegen feststellt, dass der Nachbar die gleichen Bücher liest wie man selbst und man dann ein schlechtes Gewissen verspürt, ist man vermutlich kreativ. Denn dann sucht man, vielleicht unbewusst, neue Wege. Kreativität wird hier also über die Steuerung von Schuldgefühlen getestet. Allerdings ist dies nur die erste Stufe des Tests. Auf der zweiten Stufe gilt dagegen die Regel: Wer den Kreativitätstest anwendet, ist schon deshalb nicht kreativ; denn das zeigt, dass er interessiert daran ist, kreativ zu sein. Und das wollen ja schliesslich alle.«

In diesem Sinne ist der Begriff Kreativität zur Differenzierung von Wirtschaftsbranchen wenig geeignet. Designer tun gut daran, wenn sie sich nicht über ihre Kreativität als Branche definieren, sondern als ökonomische und unternehmerische Kraft.

Ulrich Bröcklings Beitrag ist hier zur Erhellung sehr zu empfehlen.

»Kreation und Depression – Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus«
Hrsg.: Christoph Menke und Juliane Rebentisch
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2010
ISBN 978-3-86599-126-3


Joachim Kobuss · Juli 2011