Oliver Fiechter: Wirtschaft sind wir!

»Die Wirtschaft sind wir! – Die Entstehung einer neuen Gesellschaftsordnung im Zeitalter der vernetzten Märkte«. Über Ökonomie 3.0, Identität und Verantwortung.


Dank sozialer Netze (wie Twitter) bin ich auf den Schweizer Journalisten und Kommunikationsexperten Oliver Fiechter aufmerksam geworden. Er hat ein interessantes Buch über die Ökonomie 3.0 geschrieben, das in diesem Sommer erschienen ist.

Darin geht es u.a. um die Möglichkeiten der sozialen Netze (wie Facebook, YouTube etc.) und wie diese als Katalysatoren der Einflussnahme auf die Dezentralisierung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft wirken. Daraus leitet er die These ab, dass sich die Strukturen des kapitalistischen Systems auflösen und ein neues Gedanken- und Wertesytem entsteht, in dem jeder mehr Freiheiten besitzt, aber auch mehr soziale Verantwortung.

Nach einer Beschreibung unseres Wirtschaftssystems bietet er einen Überblick der Entwicklungsstufen von der Ökonomie 1.0, über die 2.0 bis zur 3.0. Zum Beispiel:

  • Anhand der Bedürfnissarten vom physischen Überleben (1.0), über den materiellen (2.0) zum immateriellen Wohlstand (3.0).
  • Oder den Kapitalformen vom Boden – natürliches K. (1.0), über Maschinen – materielles K. (2.0) bis zu Menschen – immaterielles K. (3.0).
  • Den Kunden als Massenwesen (1.0), Empfänger (2.0) und Co-Produzent (3.0).
  • Und dem politischen Imperativ von der Demokratisierung (1.0), über die Liberalisierung (2.0), bis zur Intellektualisierung (3.0).

Nach der Erläuterung der Ökonomiestufen folgert Oliver Fiechter, »dass das Wirtschaftsleben nicht länger ein Wettkampf zwischen Verkäufern und Käufern ist, sondern ein Kollaborationsprojekt zwischen Gleichgesonnenen.« Also das Wohlbefinden der anderen das eigene steigert - statt Gewinner-Verlierer  - dann Gewinner-Gewinner-Modelle dominieren. Er weißt jedoch auch darauf hin, dass die Ökonomiestufen (1.0 bis 3.0) gleichzeitig vorkommen und daher global in puncto Wohlstand große Unterschiede existieren.

Über die Stichworte Wertesystem, Identität und Management durch Marken kommt Oliver Fiechter dann auf die Nutzenökonomie zu sprechen. Dieser Punkt scheint mir der wesentliche zu sein. Hier schreibt er u.a.: »Die Nutzenökonomie relativiert die monetäre Beurteilung des Unternehmenserfolgs und richtet ihre Aufmerksamkeit an den Ursprung der Entstehung des monetären Erfolgs. […] (sie) vergrößert die Cockpits des Managements, indem sie für alle Anspruchsgruppen prüft, wie viel Nutzen diese wahrnehmen und wie diese Nutzenwahrnehmungen zusammenhängen.« Dies zielt auf eine nachhaltige Verwaltung und Wahrung einer identitätsorientierten Lebensqualität. Hier geht es um Qualität und nicht um Quantität, also um besser statt um mehr.

Ein weiterer relevanter Aspekt ist die Frage, wem die Werte gehören. Der Autor stellt hier fest – uns! Die Ökonomie 3.0 führt, seiner Meinung nach, durch die Dezentralisierung, die digitale Transparenz und die abnehmende Bedeutung des Finanzkapitals zu neuen Besitzverhältnissen. Was auch unsere Vorstellungen von Wissenseigentum verändern wird – also mehr Copyleft als Copyrights.

Oliver Fiechter geht dann auch noch auf die neue Macht der Kunden ein und die Widerstände der Ökonomie 3.0. Zu den Gewinnern zählt er die Digitalen und die Kreativen. Versäumt aber auch nicht, auf den Kampf um die Zukunft, zwischen den Kräften der Zentralisierung und denjenigen der Dezentralisierung, hinzuweisen.

Abschließend prognostiziert er eine Nachfolgerin der Ökonomie – die »Synchronomie«, die er zunächst als Ökonomie 4.0 bezeichnet. Hier soll der Tausch von Emotionen im Fordergrund stehen, wodurch das Subjekt noch subjektiver wird. Er spricht in diesem Zusammenhang auch von Emotionskapital und Emotionsgemeinschaften.

Sein letzter Satz lautet: »Wir sind dazu verpflichtet, die Botschaft des bewussten Konsums und der dezentralen Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft weiterzuerzählen. Dann haben wir eine Chance, die gegenwärtigen Krisen zu überwinden.«

Dieser Verpflichtung komme ich gern und aus Überzeugung nach. Meine Empfehlung lautet: Lesen, weitergeben und es tun – bewusst handeln.

Stämpfli Verlag, Bern 2012
ISBN 978-3-7272-1354-0


Joachim Kobuss · September 2012