Michael Erlhoff: Theorie des Designs

Eine offene und (scheinbar) unscharfe Formulierung der Designtheoriefür Leser, die einen klassischen Gestaltungs- bzw. Formansatz bevorzugen, sicher keine passende Lektüre.


Michael Erlhoff kenne ich nun seit über 20 Jahren, aus seiner Zeit als Gründungsdekan des Fachbereichs Design an der Fachhochschule Köln (heute: Köln International School of Design – KISD) und unserem gemeinsamen Engagement für die regionale Designwirtschaft in Köln. Seine zahlreichen Fachpublikationen habe ich seitdem mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, wie z.B. die Herausgabe des »Wörterbuch Design« im Rahmen seiner Arbeit für das Board of International Research in Design (BIRD).

Aus seiner Autoren- und Lehrtätigkeit weiß ich, dass er als Literaturwissenschaftler und Soziologe die Design-Theorie kritisch beleuchtet. Seine Texte und Referate stellen hohe Anforderungen an seine Leser und Zuhörer, in Gesprächen ist er streitbar und fordernd. Er hat einen hohen Anspruch an seine Mitmenschen, derwenn man sich darauf einlässtzur eigenen Erkenntnis und Entwicklung sehr nützlich sein kann.

Anlässlich der Vorstellung seines neuesten Buches »Theorie des Designs« im letzten Mai trafen wir uns wieder. Bei der Lektüre von  »Theorie des Designs« habe ich einige für mich sehr interessante Gedanken entdecken können. Das Buch hat eine hohe inhaltliche Dichte und setzt voraus, dass man sich der permanenten Unsicherheit in Bezug auf Erfolg oder Misserfolg bewusst ist. Verständlicherweise kann ich hier nicht auf alle thematisierten Aspekte eingehen, daher nur ein paar Stichpunkte, die mir wichtig erscheinen:

Entwurf
Unter dem Stichwort »Würfel-Würfe« schreibt Michael Erlhoff über Entwurf, dass dieser Begriff dem Design »wunderbare Perspektiven« offenbart: »Denn ein Wurf beschreibt Offenheit, da, selbst wenn man eine Richtung anpeilt, das Geworfene Flugkurven bildet, also nicht geradlinig seinen Weg findet. Man wirft ins Ungewisse, ins Offene. So impliziert der Entwurf mehrere Möglichkeiten, verlangt er kein klares Ziel, akzeptiert hingegen unbeabsichtigte Empfänger[innen].« Mir scheint das – in Abgrenzung zum Begriff »Gestaltung« – relevant zu sein, weil es sowohl das »Verwerfen« berücksichtigt als auch dem Zwang einer endgültigen Formgebung entgeht. Damit wird auch der ständige Prozess betont, der kein zwangsläufiges Ende als konkretes kennt. Hier steht also nicht das Werk im Mittelpunkt, sondern vielmehr das, was die Voraussetzung dafür ist. Mit anderen Worten: Ein Angebot an alle diejenigen, Designdienstleistungen von Anfang an nutzen, ohne Zwang einer Endgültigkeitvielmehr mit unendlichen Möglichkeiten!

Kreativität
Hierzu merkt er an, dass der Begriff »Kreativität« als Kategorie ziemlich in Verruf geraten ist und zunehmend banalisiert wurde. Und zwar deshalb, weil sich Viele allzu häufig »im christlichen Kultur-Kontext« durch den »damit verbundenen Schöpfer-Mythos« animiert fühlen, sich selber »im Gestus des Schöpfers zu ergehen und diesen Akt nachzuahmen«. Daraus resultiert aus meiner Sicht, dass Kreativität als (exklusiv reklamierte) Berufs- und Branchenbezeichnung kontraproduktiv ist, weil sie wie eine unangemessene Erhebung über alle anderen wirkt. Sie dient lediglich der Urheber(rechts)-Penetration und dem Ausschließen aller anderen aus dem Designprozess. Alle Designer_innen sind daher gut beraten, nicht in den kakophonischen Chor der (Creativ-)Kreativ-Selbstüberschätzer einzustimmen.

Offenheit
Quasi grundsätzlich fasst Michael Erlhoff das gesamte Thema so: »Eine Theorie des Designs muss, wenn sie nicht ideologisch daherkommen will, unabdingbar offen formuliert werden: widersprüchlich, provisorisch, provokativ, grenzenlos.« Und er schreibt weiter: »Theorie ist […] immer die Auseinandersetzung mit Widerspruch und mit Prozess. […] besonders merkwürdig am Design und somit auch dessen Theorie ist doch, dass dieses a priori auf einer Verknüpfung von Hand- und Kopfarbeit basiert. […] Sie [die Theorie des Designs] ist die Theorie der Fragen und der ständigen Selbstkritik. Gerade dies macht womöglich ihre Qualität und wegweisende Kritik an einem tradierten Verständnis von Theorie aus – und offenbart sich zugleich als eben nicht in sich geschlossene Theorie.« Mit dieser (hier stark verkürzt wiedergegebenen) Definition kann ich mich identifizieren. Nicht nur, weil ich mich (im Sinne von Klaus Krippendorff) als bewussten Designer verstehe (also kein beruflicher bin – vielmehr von diesen gelernt habe), sondern auch, weil ich weiß, dass (Entwicklungs-)Prozesse immer etwas Offenes haben und nur durch Fragen und Kritik vorangebracht werden können. Es ist mir auch deshalb so sympathisch, weil der Autor damit keinen sich ausschließenden Gegensatz zwischen Theorie und Praxis fordert.

Orientierung
Ausgehend von seiner These, dass Information und Kommunikation unser gesellschaftliches Leben beeinflussen, erläutert Michael Erlhoff diese Kategorie folgendermaßen: »Denn der Ausbund der Folgen von Information und Kommunikation ist die Tatsache, dass die Menschen heutzutage permanent extern orientiert werden.« Darüber hinaus denke ich allerdings, dass wir nur das wahrnehmen, was wir bestätigt haben wollen – also (quasi aus einer Überforderung heraus) eine subjektive Reduzierung der Komplexität vornehmen. Weil sich die Kommunikations- und Informationsflut aber nicht reduzieren lässt, sondern allenfalls der Zugang und das Verständnis verbessert werden kann, haben wir ein Orientierungsproblem. Michael Erlhoff's Hinweis auf die erstaunliche Macht des Designs, die Menschen zu »leiten, anzuleiten und zu orientieren« muss man deshalb als Verantwortung und als Chance (unter ethischen Gesichtspunkten) verstehen.

Politik
Design ist auch politisch. Michael Erlhoff schreibt dazu: »Kein Zweifel sollte darüber bestehen […], dass der gesamte Bereich dessen, was öffentlich allgemein als ›politisch‹ akzeptiert wird, von Design durchdrungen ist.« Wird doch jeder Auftritt (in welcher Form auch immer) von allen gesellschaftlichen Gruppierungen und Institutionen mit und über Design zum Ausdruck gebracht. Der Autor verweist in diesem Zusammenhang u.a. auf den von Walter Benjamin geprägten Begriff der »Ästhetisierung der Politik« und betont die Bedeutung der kritischen Diskussion und engagierten Auseinandersetzung um das Design. Ich möchte das noch ergänzen und auf die persönliche Verantwortung aller Designer_innen hinweisen – nicht nur in Bezug auf die kritische Auseinandersetzung, sondern auch auf die politische Selbstinitiative für die eigene Sache des Berufs und seiner kulturellen, sozialen und ökonomischen Relevanz.

Zu empfehlen ist das Buch allen beruflichen und nichtberuflichen Designer_innen, die sich an wohl formulierten Anregungen und Definitionen erfreuen und sich die »Unschärfen« des Designs nutzbar machen wollen – als Möglichkeiten der Selbst- und Gesellschaftsgestaltung.

Wilhelm Fink Verlag, München 2013
ISBN 978-3-7705-5285-6


Joachim Kobuss · Oktober 2013