Gerald Hüther: Was wir sind …

»Was wir sind und was wir sein könnten«. Ein neurobiologischer Mutmacher zur Potenzialentfaltung.


Gerald Hüther ist mir als Autor und Neurobiologe schon vor einiger Zeit aufgefallen. Eine Liste seiner Bücher habe ich im Rahmen meiner Recherchearbeit abgespeichert. In diesen Tagen machte mich ein guter Freund (und Philosoph) auf ihn und sein letztes Buch aufmerksam. Ich erinnerte mich an meine Liste und eilte gleich in ein hier in Berlin bekanntes Kulturkaufhaus. Mit dem Buch (und bei der Gelegenheit noch einigen weiterenwie meistens) gings nach Hause und gleich ans Lesen. Für ein neurobiologisches Fachbuch ist es nicht nur »dünn« (192 Seiten), sondern auch für einen Laien bequem lesbar, weil verständlich und mit wenig Fachbegriffen.

Das Thema beschäftigt mich seit langem. Ist doch die Frage, welches Potential in uns steckt, nicht nur spannend, sondern auch für die Lösung unserer alltäglichen und globalen Probleme existenziell.

Gerald Hüther konfrontiert uns mit der in allerjüngster Zeit gemachten Entdeckung, dass unser Gehirn nicht so wird, wie es unsere genetischen Analgen vorschreiben. Und, dass es sich auch nicht wie ein Muskel trainieren lässt. Sondern, dass unser Gehirn so wird, wie und wo für wir es mit Begeisterung nutzen.

Nun können wir uns für alles mögliche begeistern, oft mit fragwürdigen Folgen. Wir können auch unsere Begeisterungsfähigkeit verlieren, sogar kollektiv. Dann funktioniert unser Gehirn zwar noch, aber entwickelt sich nicht weiter. Wir sind dann nur noch Besitzstandswahrer und Ressourcennutzer. Das führt uns geradewegs in eine festgefahrene Kultur.

Gerald Hüther plädiert daher leidenschafltich für einen Wechsel in unserer Gesellschaft – von der Ressourcennutzung und Besitzstandwahrung zur Potenzialentfaltung. Und zeigt eindrucksvoll, wie es uns gelingen kann, aus dem was wir sind, zu dem zu werden, was wir sein könnten.

Also, anstatt so weiterzumachen wie bisher, könnten wir auch versuchen, über uns hinauszuwachsen – mutiger und zuversichtlicher sein. »Dazu kann man nicht von außen überredet, überzeugt, angeleitet oder unterrichtet werden.« Motivation ist hier nicht effektiv. »Wer andere Menschen auf einen solchen Weg bringen will, müsste in der Lage sein, sie zu ermutigen oder – wenn er das vermag – zu inspirieren, eine neue Erfahrung mit sich selbst, mit anderen, in der Schule oder in der Ausbildung, im Beruf, in seiner eigenen Lebensgestaltung machen zu wollen.«

Das ist das Gegenteil von Abhängigkeit – das ist Freiheit. Das hat viel mit Selbstständigkeit und etwas unternehmen zu tun, mit Kreativität und Begeisterung. Nur dann können wir das entfalten, was in uns steckt.

Und noch etwas: Wettbewerb ist hier nicht hilfreich (produziert er neben wenigen Siegern, vor allem viele Verlierer). Kooperieren ist die Lösung: »Wirklich kreativ werden Menschen erst dann, wenn es Ihnen gelingt, in ihren jeweiligen Lebenswelten individuell erworbenen Fähigkeiten, Kenntnisse, Begabungen und Vorstellungen mit denen anderer Menschen zu verschmelzen.«

Die individuelle Angst überwinden, durch die Stärkung wechselseitigen Vertrauens. Nur so können wir unserer kreatives Potenzial entfalten.

Wissen, wo wir stehen und wo wir stehen könnten.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
ISBN 978-3-10-032405-4


Joachim Kobuss · Januar 2012