Frank Berzbach: Kreatives Leben

»Die Kunst ein kreatives Leben zu führenAnregungen zur Achtsamkeit«. Kreative leben in der Welt »cooler« Agenturen, traumhafter Jobs und werden von »normalen Menschen« beneidet. Ein Widerspruch!

Nach Kreativtät aushalten / Psychologie für Designer das zweite Buch von Frank Berzbach beim Verlag Hermann Schmidt. Es ist eine »Anregung zur Achtsamkeit« und richtet sich an Menschen, für die »Kreativität« eine grundsätzliche Lebensform ist. Welche Menschen damit gemeint sind, wird nicht ganz deutlich. Über das Buch verteilt werden einige Etiketten und Berufe erwähnt: Kreative, Schöpferische, Künstler, Kunst- und Kulturschaffende, Kommunikations-/Produkt-/Web-Designer, Buch-/Schriftgestalter, Illustratoren, Kalligraphen und Fotografen, Werber …? Wen genau der Autor ansprechen möchte, bleibt unklar.

Die Verleger schreiben im Vorwort darüber, wie und warum das Buch entstanden ist. Es geht hier um Abstand, Loslassen, Pausen, Ruhe und Teetrinken, auch in den »Creative Industries«. – Da ist es wieder, dieses schwammige Branchenetikett, dessen angelsächsische Bedeutung eine völlig andere Richtung verfolgt als wir sie hier in Deutschland definieren. Ein Blick auf den »U4-Text« leitet uns in Richtung »unnormaler« Menschen, der beneideten Kreativen in [angeblich] coolen Agenturen und [alb]traumhaften Jobs.

Da der Verlag mit seinen schönen Büchern in erster Linie Designer anspricht, ist zu vermuten, dass diese Zielgruppe auch hier mit »Kreative« gemeint ist. Zweifelsohne ist der Designer-Beruf im Grunde ein kreativer, auch wenn die Arbeitspraxis Kreativität oft nicht zulässt. Deshalb aber gleich ganz zu diesem unscharfen Begriff überzugehen, ist nicht sinnfälliginsbesondere im Zusammenhang mit den »Creative Industries«. Hier wäre eine genauere Adressierung sehr hilfreich, würde sie doch Irritationen vermeiden und die Designer vor dem Unmut »normaler Menschen« schützen.

Es ist ein ansprechendes Buch für jeden, der ein »kreatives« Leben führen möchtenbietet es doch einen umfassenden Überblick zu vielen Philosophien. Dies macht es durchaus lesenswert, obwohl ich mir gewünscht hätte, dass der Autor seine eigene, persönliche Position beschreibt. So ist es ein Buch mit aneinandergereihten, unzähligen Zitaten und Verweisen auf philosophisches, psychologisches und soziologisches Wissen Dritter. Es ist so gesehen eine journalistische Arbeit mit einem umfassenden Literaturverzeichnis zur Vertiefung. Da findet man auch einige exzellente Denker_innen wie z.B. Hannah Ahrendt, Roland Bahrtes, Alain Ehrenberg, Daniel Kahnemann, Hartmut Rosa, Wilhelm Schmid, Richard Sennett, Sherry Turkle und Slavoj Žižek.

Ein Aspekt, den Frank Berzbach u.a. anspricht, ist das handwerkliche Arbeiten und damit den Rückzug des Arbeitens mit den eigenen Händen, infolge der mehr und mehr alle Lebensbereiche dominierenden Computertechnologien. Diese trennt uns von der real existierenden Welt und vermittelt uns »direktes und nicht diskutierbares Feedback« über die Qualität unserer Leistungen. Es erschwert uns einschätzen zu können, ob und wie kreativ wir in dem sind, was wir tatsächlich geleistet haben. In diesem Punkt stimme ich ihm absolut zu.

In einem anderen Punkt kann ich Frank Berzbach allerdings nicht folgen. Unter »Die Kunst zu arbeiten« behauptet er: »Kreativität ist, egal wie sehr wir den Teamgeist feiern, ein ganz einsames Phänomen. […] Teams sind kein guter Rahmen für kreative Prozesse.« (Dem widerspricht er selbst, 100 Seiten weiter unter »Kreativität und Spirualität«, wo ermit Verweis auf Roland Barthesschreibt, dass »Kreative« auf Feedback und Anregung angewiesen sind.) Im Gegensatz dazu hat der Sozialpädagoge Olaf-Axel Burow in seinen Büchern »Die Individualisierungsfalle« (1999) und »Ich bin gut – wir sind besser« (2000) festgestellt, dass es Kreativität nur im Plural gibt. Er beschreibt darin Grundtypen »Kreativer Felder« und erfolgreiche Praxismethoden wie z.B. die Zukunftswerkstatt (mit der er sich auf den Zukunftsforscher Robert Jungk bezieht). Mit dieser These steht er nicht allein da. Zum Beispiel hat der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi in seinem Standardwerk »Creativity« (1996) bereits darauf hingewiesen, dass sich Kreativität immer erst in einem bestimmten Kontext (Räume und Menschen) entwickelt.

Die Perspektive der kreativen Felder kann ich aus meiner Arbeit als Coach mit einzelnen Designern und als Moderator mit Gruppen/Teams bestätigen. Mir ist in meiner nunmehr über vierzigjährigen Berufspraxis noch nie ein einsam-kreativer Designer begegnet (bis auf ein paar Authisten). Aus der Kognitions- und Neurowissenschaft wissen wir, dass der individuelle menschliche Geist ein radikal offenes System ist, das sich in der Interaktion mit anderen geistbegabten Wesen entwickelt. Kreativität setzt zwingend ein Gegenüber voraus, denn erst im Spiegel der anderen sehen und verstehen wir, was Denken und Handeln ist.

Und noch ein Widerspruch: »Selbstständige kennen meist nur zwei Sorgen: zu viele oder zu wenige Aufträge; aber dazwischen existiert einfach keine Grauzone. […] kennen die Angst, nicht alles zu schaffen, und die Angst, nicht genug Geld zu verdienen.« – schreibt der Autor unter »Das Eigenleben unseres Kopfes«. Ich denke, es ist nicht hilfreich in Schwarz-Weiß-Kategorien zu argumentieren, zumal die Grautöne überwiegen (zumindest in Bezug auf Aufträge) und ein Zuviel/Zuwenig relativ ist. Das Problem liegt eher bei der Wertschätzung und angemessenen Honorierung. Ich bin kein Freund davon, der Angst das Wort zu reden und ziehe es vor, von Selbstreflektion und realistischer Einschätzung von Möglichkeiten zu sprechen. Alles ist eine Frage der kreativ unternehmerischen Einstellung.

Und ganz zum Schluss: »Das Teetrinken sollte alle Arbeiten […] unterbrechen!« Dem möchte ich hinzufügen: … auch das Lesen, auch dieses Buches (wegen der Widersprüche).

Und was den Begriff »Kreative« angeht, lesen Sie dazu doch auch mal die Kritik auf dieser Website unter Kreativ/Creative.

Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2013
ISBN 978-3-87439-829-9
 

Joachim Kobuss · April 2014