Frank Berzbach: Kreativität/Psychologie

»Kreativität aushalten / Psychologie für Designer«. Eine designferne Betrachtung der Kreativität und Psychologienicht auszuhalten.

Im letzten Sommer las ich das Buch von Frank Berzbach, in der Hoffnung Neues zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Psyche von Designern zu erfahren. Ein Satz auf dem Umschlag wies ihn als Psychologie und Medienpädagogik Lehrenden aus, der den Designalltag aus nächster Nähe kennt. Genau das machte mich neugierig.

In sechs Kapiteln wird das gestalterisch Tätig sein und das Arbeiten beschrieben. Allerdings fehlen eine Einführung in das Thema und der konkret fachliche Hintergrund des Autors. So geht er gleich auf Kreativität ein: Was man davon erwarten kann, die Phasen, was Techniken bringen und wie sich Künstler damit beschäftigen. Abgesehen von einigen Hinweisen auf das Design oder das Agenturleben, kommt der Designer (bis auf wenige Beispiele) nicht vor.

In den restlichen Kapitelnüber das richtige, alleinige, für Andere, falsche und nicht Arbeitensetzt sich das fort. Der Designer wird hier quasi nur als in Agenturen angestellter betrachtet. Fraglich ist auch die Feststellung, dass die – für die Gesundheit wichtigezeitliche Ordnung nur über Fremdbestimmung (»Regime der Arbeit«) möglich scheint.

Befremdlich ist die Bewertung des »Mythos« Flow in der Arbeit. Der Autor unterstellt, dass die Diskussion um Flow die Messlatte für die Arbeitszufriedenheit hoch legt. Er empfiehlt den Glücks- und Flowzuständen nicht hinterher zu jagen und meint, dass die Forschung zur Arbeitszufriedenheit sinnvoller und realistischer sind. Hier kommt Zweifel auf, ob er sich mit den prägenden Arbeiten des Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi zum Flow und auch zur Kreativität auseinander gesetzt hat (dessen Standardwerke fehlen leider in der Literaturliste). Er geht sogar soweit zu behaupten, dass die Vorstellungen über die Arbeitswelt durch das Streben nach Flow in eine falsche Richtung gelenkt werden. Dem ist deutlich zu widersprechen!

Ferner weist er unter der Psychologie der Selbstständigkeit auf die grosse Gefahr der »Selbstüberschätzung« in der selbstständigen Arbeit hin. Hier fragt sich warum? Ist das ein dringendes Problem der Designer? Doch wohl eher nicht. In meiner Coachingarbeit sehe ich hier eher eine Selbstunterschätzung als typisches Merkmal von Designern (von einigen Ausnahmen abgesehen).

Insgesamt vermittelt Frank Berzbach den Eindruck, die Psychologie für Designer aus einer Agentur- und Arbeitgeberperspektive zu bewerten. Das ist schade, da dies die Realität in den Designbüros (nicht Agenturen) und der freiberuflichen, selbstständigen und unternehmerischen Arbeit der Designer nicht wiederspiegelt. Da fragt sich, woher seine Kenntnisse über den Designalltag stammen.

Um dies herauszufinden nutzte ich im letzten Herbst die Gelegenheit, den Autor in einer Buchpräsentation (im IDZ Berlin) kennen zu lernen. Er sprach dabei auch über seinen Bezug zum Design und erwähnte, dass er mit einer Designerin verheiratet ist. Ansonsten ist der Schwerpunkt seiner Arbeit die Arbeitsforschung in der Industrie und in grossen Unternehmen. Psychologische Forschungen im Designbereich gäbe es nicht, da dieser wirtschaftlich relativ unbedeutend ist (?) und daher Forschungsaufträge in diesem Bereich nicht finanzierbar sind.

Nun, dass erkärt vieles. Der Autor hat offensichtlich, neben dem privaten Kontakt, keine beruflichen zum Design. Nur so lässt sich seine kritische Haltung zum Flow erklären. Seine Ausführungen in der Buchpräsentation waren eher allgemein und banal. Auf seine Zuhörer (Designer) konnte er kaum eingehen oder gar etwas zur Eigenart der Designer-Psyche beitragen.

Was bleibt ist eine unvollständige und einseitige, aber doch informative Literaturliste. Ob diese allein die Anschaffung des Buches lohnt, ist fraglich. Bleibt zu hoffen, dass die Leser kritisch und motiviert der Psychologie weiter auf den Grund gehen und sich mit der Charakteranalyse, der Kommunikation und auch der Neurologie beschäftigen. Dort sind die Schlüssel zur Psychologie der/für Designer zu finden. Und die braucht man um Kreativität nicht nur auszuhalten, sondern auch zu nutzenzum Beispiel für die Designzukunft und den eigenen Workflow.

Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2010
ISBN 978-3-87439-786-5


Joachim Kobuss · März 2011