David + Tom Kelly: Kreativität

»Kreativität und SelbstvertrauenDer Schlüssel zu Ihrem Kreativbewusstsein«. Eine praxisorientierte Beschreibung des »Design Thinking« von den Mitbegründern und Partnern von IDEO in Palo Alto (USA) und London (UK) und der d.school in Stanford (USA).


Das Thema Kreativität und Selbstvertrauen ist für mich als Coach und Moderator elementar und hat mich neugierig gemacht. Von David und Tom Kelly die Design Thinking-Methode aus der Praxis erläutert zu bekommen, wollte ich mir auf keinem Fall entgehen lassen. Und ich bin nicht entäuscht wordenbis auf die Gestaltung der deutschen Ausgabe ihres Buches (dazu am Ende mehr).

Gleich im »Intro« räumen die Autoren mit dem Mythos auf, das kreativ gleich künstlerisch ist, Designer und Architekten für ihre Kreativität bezahlt werden und anderewie z.B. Anwälte, Ärzte und Unternehmernicht. Beide halten dasvöllig zu Rechtfür eine Fehleinschätzung. Daher handelt ihr Buch vom Gegenteil des Mythos, von dem, was sie Kreativbewusstsein nennen, dem Vertrauen in die eigene Kreativiät und der Überzeugung, dass wir alle kreativ sind. Schon mit dieser Feststellung haben sie gleich mein Herz »erobert«, ist doch das Wesen der Kreativität ein natürliches.

Schon im ersten Kapitel stellen sie eine Verbindung vom Design Thinking zum Kreativbewusstsein her. Sie beschreiben, wie die Methode auf natürliche und trainierbare Fähigkeiten zur Intuition, dem Erkennen von Mustern und der Entwicklung von Konzepten aufbaut. Wobei sie nicht behaupten, man könne sich allein auf Intuition verlassen. Ein ausschließliches Vertrauen auf das Rationale und Analytische, kann bei Problemen, zu denen nicht genügend Daten verfügbar sind, riskant sein. Hier kann Design Thinking mit Empathie und Prototyping weiterhelfen.

Im Zusammenhang mit der Förderung kreativer Denker verweisen sie auf die Selbsteinschätzung und die Befreiung von Vorurteilen wie etwa: »Ich bin nicht gut darin, kreativ zu seinEine offene, an Veränderung glaubende Grundeinstellung, geht davon aus, dass das wahre Potenzial eines Menschen unbekannt ist und auch überhaupt nicht bekannt sein kann. Es ist unmöglich abzusehen, was im Laufe eines Lebens mit »Leidenschaft, Ausdauer und Übung« erreicht werden kann. Mit dem Vertrauen in die eigene Kreativität, stellt sich der Wunsch ein, das eigene Leben aktiv zu gestalten.

Sie berichten nach Beobachtungen davon, dass Designer stets mit einer bestimmten Intention handeln und eine bewusste Wahl treffen: »Angefangen dabei, wie sie ihre Bücherregale anbringen, bis hin zur Art, wie sie ihre Arbeit präsentieren. Wenn sie sich in der Welt umsehen, erblicken sie die Möglichkeiten, Dinge zu verbessern und haben das Bedürfnis, sie zu verändern.« Dies kann ich aus meiner Arbeit mit Designern bestätigen und möchte das noch genauer auf den Punkt bringen: Designer haben die Fähigkeit, ihre Umwelt in Details selektiv wahrzunehmen (ähnlich wie Kinder, denen das noch nicht aberzogen wurde), sie kompetent zu interpretieren, daraus professionell neue Möglichkeiten zu entwickeln und diese dann auch noch zu visualisieren und zu realisieren!

In den folgen Kapitel setzen sich die Autoren mit der zu überwindenen Angst auseinander, beschreiben, wie man Erkenntnisse gewinnt, wie man von der Planung zur Praxis kommt, Leidenschaft als Pflicht versteht und Vertrauen in die Kreativiät von Gruppen erlangt.

Irgendwo dort erwähnen sie auch, wie bei IDEO Designer eingestellt werden: mit sozialwissenschaftlichem Hintergrund und Abschlüssen in Bereichen wie kognitive Psychologie, soziale Anthropologie oder Linguistik – »Menschen, die geübt darin sind, Erkenntnisse aus Befragungen und Beobachtungen zusammenzutragen und zu synthetisieren.« Dies sollten Sie als Designer_in als eine Definition Ihres Berufes und damit Ihrer zukünftig weiteren Entwicklung verstehen. Die damit verbundene Erweiterung Ihrer Kompetenzen macht auch deutlich, dass die Methode »Design Thinking« keine alleinige Zuordnung zu Ihrer Berufsgruppe mitbringtihr gar exklusiv gehört –, sondern vielmehr berufsallgemein überall eingesetzt werden kann. Ich glaube daher, dass es besser ist, gar nicht von ihr (der Methode) zu redenwie auch nicht von Kreativität – und sie ganz selbstverständlich im Selbstvertrauen anzuwenden. Das ist wie beim Design – nicht darüber reden, machen!  

In Kapitel 7 »Move« beschreiben sie dann zehn Kreativübungen, um ...

  • 01. ... anders und kreativ zu denken
  • 02. ... den kreativen Output zu steigern
  • 03. ... die Fantasie auf Trapp zu bringen
  • 04. ... durch Beobachten zu lernen
  • 05. ... eine Kultur konstruktiven Feedbacks zu schaffen
  • 06. ... sich aufzuwärmen (Warm up)
  • 07. ... Hierarchien aufzuheben, um den Ideenfluss zu verbessern
  • 08. ... sich in Angestellte, Kunden und andere Nutzer hineinzuversetzen
  • 09. ... das zu lösende Problem zu definieren
  • 10. ... seiner Gruppe zu helfen, Innovation Thinking zu verstehen

Den Wert der Techniken sehen sie allerdings nicht in der Idee, sondern in der praktischen Umsetzung. Aus meiner Erfahrung als Coach und Moderator kann ich das bestätigen. Betrachten Sie die beschriebenen Vorgehensweisen daher nicht als alleinigen Maßstab. Fangen Sie einfach an zu probieren und achten Sie darauf, wie es Ihnen dabei geht. Sie werden dann sehen, was zu Ihnen passt. Als Designer_in werden Sie die einzelnen Techniken sicher individuell variieren und visuell optimieren.

Alles in allem wird deutlich, dass beide aus einer langjährigen Praxis als »kreative« Unternehmer und Einblick in die Lehre schöpfen können. Das macht dieses Buch so lesenswert und es verleitet zum Machen.


Und noch abschließend, wie eingangs erwähnt, ein paar Anmerkungen zur Gestaltung der deutschen Ausgabe: Überschriften, Marginalien, das Vorwort (über sechs Seiten) und im Fließtext hervorgehobene Absätze sind in einer nicht gut lesbaren Schrift gesetzt. Die unterlegten Farbbalken erschweren die Lesbarkeit zusätzlich. Die wahllos verteilten Zitat-Doppelseiten machen es nicht leicht, Anfang und Ende von Kapiteln zu erkennen. Die inhaltliche Unterteilung der einzelnen Kapitel ist nicht ersichtlich und wird von ebenso wahllos eingeschobenen Marginal-Textfragmenten unterbrochen. Die Seitenzahlen stehen auf der rechten Seite unten, innen direkt neben dem Bund – das schnelle Durchblättern auf der Suche nach einer Seite wird dadurch unnötig erschwert. Dass es im Anhang Anmerkungen zu Textpassagen gibt, erfährt man leider erst ganz am Ende. Der Text auf den Seiten 248-249 ist identisch mit dem auf den Seiten 238-239 (da haben die Gestalter offensichtlich selbst den Überblick verloren).
Für jemanden, der viel und schnell ließt, ist eine derartig lesebehindernde Aufmachung eine Ärgernis – und das aus einem Verlag mit typographisch hohem Anspruch (was hätte Hans Peter Willberg wohl dazu gesagt?). Wenn Sie wirklich am Thema und den Inhalten interessiert sind, lesen Sie besser gleich das Original »Creative Confidence«. Es ist in puncto Gestaltung ungleich lesefreundlicher.

Was den Begriff »Kreative« angeht, lesen Sie dazu doch auch mal die Kritik auf dieser Website unter Kreativ/Creative und die Kritik zur Methode Design Thinking.

Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2014
ISBN 978-3-87439-859-6


Joachim Kobuss · Mai 2014