André Comte-Sponville: Kapitalismus moralisch?

»Kann Kapitalismus moralisch sein?«. Verwechselung der Ordnungen. Wie man Verantwortung übernimmt.

Der französiche Philosoph André Comte-Sponville ist mir erstmalig aufgefallen, durch sein Buch »Woran glaubt ein Atheist?«. Darin zeigt er Wege auf zu einer Spiritualität ohne Dogmen. In einem weiteren Buch (»Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg«) schreibt er: »Philosophieren heißt, selbst zu denken; doch dabei erzielen wir nur vernünftige Ergebnisse, wenn wir uns zunächst auf die Gedanken anderer stützen […] Philosophieren ist nicht Wissenschaft, noch nicht einmal Erkenntnis oder Wissen: Sie ist eine Reflektion über das verfügbare Wissen.«

Dies hat mich u.a. dazu animiert, in unserem Buch Designzukunft denken und gestalten (das ich gemeinsam mit Michael B. Hardt gemacht habe), einerseits dem Denken Raum zu geben (Kapitel 11) und andererseits eine Kritik der ökonomischen Vernunft (Kapitel 5.4) zu formulieren. Dort sind Ökonomen, Philosophen und Soziologen mit ihren Denkmodellen aufgeführt. Aus Platzgründen habe ich André Comte-Sponville mit seinem Buch »Kann Kapitalismus moralisch sein?« nur kurz erwähnt, ohne seine Gedanken auszuführen. Dies möchte ich an dieser Stelle nachholen.

Im seinem Vorwort erwähnt er, dass viel über Komplexität geredet wirdIst sie doch kennzeichnend für unsere Zeit »sowohl intellektuell (Komplexitätstheorien) als auch wirtschaftlich und politisch (Globalisierung)«. Mit seinem Buch will er helfen: »klarer zu sehen, Entscheidungen zu treffen, […] Verantwortung zu übernehmen, angesichts der vielfältigen Herausforderungen …«. Sein Buch ist »vor allem zukunftsgerichtet«. Und genau hier treffen wir uns.

Nach einer Einleitung geht er zunächst im ersten Teil auf die »Rückkehr der Moral« ein. Im zweiten Teil beschäftigt er sich mit der Frage, was nicht erlaubt ist und sich damit das »Problem der Grenzen und die Unterscheidung der Ordnungen« stellt. Hier definiert er vier Ordnungen:

  • 1. Die technowissenschaftliche
  • 2. Die rechtlich-politische
  • 3. Die der Moral
  • 4. Die ethische

Bei der Frage ob der Kapitalismus moralisch sein kann, sieht er uns alle diesen vier gemeinsamen Ordnungen (ohne auf eine mögliche fünfte Ordnung des Glaubens einzugehen) gegenüber. Die 1., die ihre innere Struktur aus dem Gegensatz zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen gewinnt, aber unfähig ist, sich selbst zu begrenzen. Daher wird sie von außen durch eine 2. begrenzt, die ihre innere Struktur aus dem Gegensatz zwischen dem Legalen und dem Illegalen gewinnt, aber genauso unfähig ist sich selbt zu begrenzen. Daher wird diese von außen durch die 3. begrenzt, die der Pflicht und des Verbots. Diese wird ergänzt »und von oben geöffnet« zu einer 4., der Ordnung der Liebe.

An dieser Stelle beantwortet er die Frage, ob Kapitalismus moralisch sein kann: »Vorzugeben, dass der Kapitalismus moralisch wäre, oder sogar zu wollen, dass er es sei, das hieße vorzugeben, dass die Ordnung Nr. 1 ihrer Natur nach der Ordnung Nr. 3 unterworfen wäre, was mir wegen der Art ihrer jeweiligen inneren Struktur ausgeschlossen erscheint

Im Teil IV des Buches geht er noch auf die Verantwortung ein. Er sieht die Schwierigkeit darin, dass wir uns alle stets in den vier Ordnungen zugleich befinden und dass es keine Garantie für eine einheitliche Ausrichtung gibt. Natürlich kann es vorkommen, dass wir, wenn wir in der 1. Ordnung unsere Arbeit gut machen und viel Geld verdienen, auch vollkommen gesetzestreu handeln (2. Ordnung), unsere Pflicht tun in der 3. Ordnung und die Liebe (4. Ordnung) unser Beweggrund ist. Dann rät er: »Machen Sie das Beste draus … weil es nicht von Dauer sein wird

Die vier Ordnungen können, wegen ihrer unterschiedlichen und unabhängigen inneren Strukturprinzipien, nicht immer und überall gleichgerichtet sein. Dann müssen wir zwischen den vier Ordnungen wählen – entscheiden, welche der vier Ordnungen wir in welcher Situation vorrangig berücksichtigen wollen.

Unser Verantwortung liegt bei uns und in unserer Wahl. Wir müssen selbst entscheiden. André Compte-Sponville sagt: »Es geht nicht darum ein Problem zu lösen, sondern eine Wahl zu treffen, was nicht ohne Hierarchie und Verzicht geht.« Wenn wir – von einem technischen/wissenschaftlichen Weltbild geprägt – immer nur von einer Lösung ausgehen, übersehen wir, dass in mehreren heterogenen Ordnungen, die alle ihre eigene Logik haben, dies nicht funktioniert.

Hier geht es eher um Verantwortung als um Kompetenz. »Kompetent zu sein heißt, ein Problem lösen zu können. Verantwortlich zu sein heißt, eine Entscheidung treffen zu können, auch in unübersichtlichen und ungewissen Situationen, und ganz besonders, wenn diese Entscheidung, wie es fast immer der Fall ist, in mehreren Ordnungen zugleich gefällt werden muss.«

Die Verantwortung, uns von Fall zu Fall für die eine oder andere Ordnung zu entscheiden, liegt allein bei uns. Dazu müssen wir stehen.

Diogenes Verlag, Zürich 2009
ISBN 978-3-257-06738-5


Joachim Kobuss · Dezember 2011