Crowdworking – Heimarbeiter

Eine Kritik der illusionären Wertschätzung und Wirkungsrelevanz

Die neuen Heimarbeiter?

Mit »Die neuen Heimwerker« betitelte DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 21.04.2016 einen Artikel über das Crowdworking (von Jana Gioia Baurmann und Kolja Rudzio) und schrieb im Untertitel: »Nun zerlegen auch Großunternehmen Arbeiten in kleine Projekte und vergeben sie an FreieCrowdworking nennt sich das. Bloß: Was wird aus den Arbeitnehmern

Anhand einiger Beispiele aus der Praxis wird beschrieben, wie sich aus der ursprünglichen und bisher gesamtwirtschaftlich unbedeutenden Nische mittlerweile so etwas wie eine neue Ökonomie entwickelt hat. Die Crowdworker sollen nicht mehr nur simple Aufgaben abarbeiten, sondern Häuser planen, neue Produkte und Software entwickeln, Verpackungen entwerfen, Marktforschung betreiben, Werbekampagnen gestalten und Texte schreiben – und das auch im Auftrag großer Konzerne.

Dies funktioniert über Internet-Plattformen, zum Beispiel Jovoto (Sitz: Berlin), das sich auf Architektur, Design, Kommunikation und Werbung spezialisiert hat, berichtet DIE ZEIT. Am Beispiel einer Designerin, die eine kleine Werbeagentur betreibt, in der sie Firmenflyer, Geschäftsberichte, Notizblöcke, Visitenkarten und Webseiten für Kunden gestaltet, wird erläutert, wie sie im Auftrag von namhaften Unternehmen Illustrationen, Produkte, Slogans und Verpackungen entworfen und gestaltet hat. Über Jovoto ist sie an diese Aufträge gekommen, die sie niemals direkt von diesen Firmen erhalten hätte. Allerdings gäbe es da ein Problem mit dem Geld: Von dem, was sie bei diesen Projekten verdient hat, kann sie nicht leben.

Ein Grund dafür ist, dass die vielen Wettbewerber auf dieser Plattform die Verdienstchancen drücken. Nach eigenen Angaben soll Jovoto 80.000 registrierte Teilnehmer haben. Designer stellen dort ihre Ideen ein (im Falle der Designerin: 249 verschiedene Entwürfe für Projekte), die von der Gemeinschaft der Crowdworker mittels farbiger »Schleifchen« für preiswürdig befunden werden, bzw. Auftraggebern besonders gut gefällt. Dafür gibt es dann Geld – selten mehr, oftmals weniger und meistens überhaupt nichts. »Denn bei Jovoto geht die Mehrheit der Teilnehmer leer aus. Es gibt Preise, keinen Lohn

Im Designbereich ist es nicht ungewöhnlich, dass einem Kunden mehrere Angebote zur Verfügung stehen und nur ein Gewinner überbleibt. Wo früher vier bis fünf Agenturen in einem Pitch ihre Entwürfe präsentierten, bieten sich heute Hunderte oder Tausende Wettbewerber auf den Crowdworking-Plattformen an. Dabei tragen hier meist einzelne Selbstständige das unternehmerische Risiko und keine großen Agenturen.

Diese Entwicklung verändert die strukturellen Rahmenbedingungen in der Wirtschaft tiefgreifend. In den USA wird das als »gig economy« bezeichnet, eine Ökonomie, in der Arbeitnehmer kein festes Gehalt mehr bekommen, sondern nur noch »Gagen für lauter kurze Einsätze – gigs« erhalten. Dies verändert den Charakter vieler Unternehmen, weil die Transaktionskosten (Mühe und Zeit) – durch die Suche nach Dienstleistern für einzelne Aufgaben – radikal sinken. Unternehmen sind daher nicht mehr darauf angewiesen, eigenes Personal einzustellen. »Bevor es das Internet gab, wäre es sehr schwierig gewesen, jemanden zu finden, der zehn Minuten für einen arbeitet und den man nach diesen zehn Minuten wieder feuern kann.« So wird der Gründer der Plattform Crowdflower in dem DIE ZEIT-Artikel zitiert.

Damit ändert sich die Machtbalance in der Arbeitswelt. Für Crowdworker gibt es in der Regel keinen Kündigungsschutz, Mindestlohn, Urlaubsanspruch, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Rente und kein Streikrecht. Crowdworker werden nicht wie Angestellte, sondern wie freie Dienstleister behandelt (oder genauer gesagt: benutzt). Daher ist für viele Crowdworker das über die Plattformen verdiente Geld nur ein Zuverdienst, ein Zweit- oder Drittjob. Bei Clickworker sollen die meisten nur zwei bis fünf Stunden in der Woche arbeiten und damit auf rund 200 Euro Einnahmen im Monat kommen. Nur wenigen verdienen damit mehr als 1000 Euro monatlich.

Aus der Sicht von Unternehmen soll das Ausschreiben auf Crowdsourcing-Plattformen ein gewaltiger Vorteil sein, da das Crowdworking eine völlig neue Art der Arbeitsorganisation ist, mit radikalen Veränderungen für die ganze Wirtschaft. Die Firmen können damit schneller auf Auftragsschwankungen reagieren, Kunden in ihre Entwicklung einbeziehen und aus einem größeren Talentpool schöpfen. Für die Arbeitnehmer soll es den Vorteil haben, selbst zu bestimmen, was er wann und wie arbeitet. Das ist zur herkömmlichen Situation eines Angestellten revolutionär – hat jedoch einen Haken: Auftraggeber können ihre starke Macht ausnutzen.

Der Gründer von Jovoto argumentiert in dem DIE ZEIT-Artikel, dass viele die Möglichkeit zum Austausch auf der Plattform mit anderen und Kontakte zu knüpfen schätzen. Für die »Top-10-Prozent« der Crowdworker soll sie angeblich ein echtes Sprungbrett sein und man sei keine »Kosteneffizienz-Maschine«. Alle Teilnehmer zu vergüten, wäre aber nicht möglich. (Also verlieren 90%!)

Als weiteres Beispiel wird Greenpeace aufgeführt, die für einen höheren moralischen Anspruch stehen. Für die McDonald’s- Kampagne bei Jovoto wurden 25.000 Euro ausgegeben, was mehr sei, als sie bei Agenturen dafür bezahlt hätten. Man wollte viele Kreative einbinden, die besonders nah an der Zielgruppe sind. Als ein weiterer Vorteil wurde gesehen, dass man 380 Vorschläge in 980 Varianten erhalten hätte – anstatt drei von beauftragten Agenturen. Man bezahle die Designer aber »anständig«. Viermal habe man solche Crowd-Projekte gemacht, ohne Beschwerden. (Haben dann alle 380 Vorschläge mit 980 Varianten anteilig Geld bekommen, also jeweils ca. 66 bzw. 26 Euro?)

Ein Argument der Auftraggeber ist, dass es um das innovative Potenzial der Crowd ginge und nicht um die Ausbeutung billiger Arbeitskraft. (Dass Innovationen durch Masse erzeugt werden, wäre ein Novum und widerspricht allen Erfahrungen aus der Innovationsentwicklung!)

Die Arbeitsmarktpolitik fragt sich, ob die bestehenden Gesetze zur digitalen Arbeitswelt passen, wie der Sozialstaat umgebaut werden muss, wie man Crowdworker absichert, wie sich verhindern lässt, dass Regeln wie der Mindestlohn umgangen werden und Scheinselbstständigkeit entsteht. Gewerkschaften warnen in diesem Zusammenhang vor einem »digitalen Prekariat« und fordern zum Beispiel, die Sozialversicherung auf Crowdworker auszudehnen, ähnlich dem Vorbild der Künstlersozialkasse.

Der Artikel in DIE ZEIT schließt mit dem Hinweis darauf, dass die gesetzliche Realität der schnellen Internet-Ökonomie nur langsam folgt. »So langsam, dass neue Gesetze womöglich erst in Kraft treten, wenn es Crowdworking gar nicht mehr gibt – zumindest als Begriff.« Vom Vorsitzenden des Deutschen Crowdsourcing Verbandes (so etwas gibt es tatsächlich schon) wird prognostiziert, dass es spätestens in zehn Jahren so normal sein wird, dass dafür kein besonderes Wort mehr gebraucht wird.


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