Crowdworking – Dienst-/Werkleistungen

Eine Kritik der illusionären Wertschätzung und Wirkungsrelevanz

Illusion: Dienst- vs. Werkleistungen!

Ich möchte zum Schluss noch auf den bereits erwähnten Unterschied zwischen Dienstleistungen und Werkleistungen zurückkommen.

Hierzu eine kurze rechtliche Definition. »Im deutschen Recht wird der sogenannte Werkvertrag vom Dienstvertrag unterschiedenmit teilweise recht deutlichen Folgen. Im Einzelnen ist hier zwar vieles streitig, für den Designbedarf können wir aber im Wesentlichen Folgendes festhalten:

  • Werden Designer als Selbständige für einen Auftraggeber tätig, ist in aller Regel von einem Werkvertrag auszugehen, gleichgültig, ob es sich um die Erarbeitung einer konkreten Gestaltung, die Konzeption einer Product Range oder die Erarbeitung einer Planung handelt.
  • Nur wenn Designer rein beratend und völlig ohne feste Zieldefinition tätig werden, handelt es sich um einen Dienstvertrag.
  • Werden Designer als Angestellte für einen Arbeitgeber tätig, handelt es sich ohne Rücksicht auf ihren konkreten Tätigkeitsinhalt um einen Arbeitsvertrag, der eine Unterform des Dienstvertrags ist

(Quelle: Erfolgreich als Designer – Designrechte international schützen und managen, Kapitel 14.3 Designvertrag, 2009)

Da im Crowdworking die Präsenz auf den Online-Plattformen eine Voraussetzung ist, werden in der Regel Entwürfe von den registrierten Teilnehmern dort eingestellt. Diese Entwürfe entstehen ohne Auftrag oder stammen aus realisierten Projekten. Grundlage ist daher weder ein Werk- noch ein Dienstvertrag. Formal kann man dies als Eigenwerbung auf eigenes Risiko bezeichnen. Faktisch ist es – aufgrund der Masse – eher eine Form von Gefälligkeit, da die Teilnehmer zu Gunsten anderer eine Leistung erbringen und durch die offene Präsentation quasi zur Verfügung stellen, ohne dass hierfür ein Entgelt oder eine sonstige Gegenleistung erbracht wird. Konkrete Aufträge kommen nur für eine kleine Minderheit zustande – für geringes Entgelt.

Davon ausgehend, dass die offene Präsentation von Entwürfen, jedem frei zugänglich ist, können diese als Orientierungs- und Entscheidungshilfen genutzt werden. Beide Hilfen sind Leistungen, die prinzipiell einen Anspruch auf Honorierung rechtfertigen können. Da diese Hilfen auf den Plattformen jedoch frei angeboten werden, haben sie auch keinen Wert an sich. Da in unserer Wirtschaftskultur der Preis den Wert bestimmt, erfahren alle Dienste, die massenhaft angeboten und frei zur Verfügung gestellt werden, auch keine Wertschätzung.

Infolge dieser nicht vorhandenen Wertschätzung, wird das Niveau von Design-Werkleistungen allgemein negativ beeinflusst. Daraus resultiert ein Honorar-/Preisverfall (auch durch das bereits erwähnte Honorar-/Lohn-Dumping), der die Mehrzahl der selbstständigen Designer zunehmend in prekäre Verhältnisse drängt.

Das hier in erster Linie nur die Betreiber dieser Crowdworking-Plattformen profitieren, auf Kosten der Wertschätzung der Designer, ist perfide und ausbeuterisch. Dass diese dann auch noch als innovative Geschäftsmodelle ausgezeichnet werden, ist eigentlich ein Skandal.

Im Ergebnis läuft es darauf hinaus, dass das Crowdworking keine Leistung im Sinne eines daraus prinzipiell resultierenden Anspruchs auf Gegenleistung (Honorierung) ist – da diese überhaupt nicht vorgesehen ist. Sie befindet sich damit auf dem gleichen Niveau wie ehrenamtliche und soziale Leistungen. Wer vermögend ist oder über eine andere Einnahmequelle verfügt, die den Lebensunterhalt absichert, wird damit kein Problem haben. Was ist aber mit all denen, für die das Crowdworking zunehmend zur alleinigen Erwerbsquelle wird? Dieses Problem liegt auf der gleichen Ebene, wie die durch die Digitalisierung verloren gegangenen Arbeitsplätze, (die eben nicht alle durch neue ersetzt werden). Wird hier am Ende nur noch ein bedingungsloses Bürgereinkommen helfen? (Wie der amerikanische Wissenschaftler und in Stanford lehrende Neil Jacobstein in einem Interview prognostizierte, das der deutsche Journalist Klaus Kleber kürzlich in seiner ZDF-Doku Schöne neue Welt mit ihm führte.)

Die vorenthaltene Wertschätzung ist quasi eine Diskriminierung der Fähigkeiten der Designer. Wie soll sich unter diesen Umständen ihre Kreativität entwickeln? Wie können ihre Fähigkeiten und Kompetenzen als Designer sinnfällig und wirkungsvoll vermittelt werden? Welche Alternativen bieten sich für Designer außerhalb des Crowdworking an? Wie gelangen Designer zu einer angemessenen Wertschätzung?

Auf diese Fragen gehe ich (gemeinsam mit Alexander Bretz) in unserem neuen Buch Designleistungen bewerten und kalkulieren ein. Es erscheint im Frühjahr 2017 bei Birkhäuser, wie alle anderen aus der Reihe Erfolgreich als Designer. Und das wird keine Illusion – versprochen!

 

Sie können die vollständige Kritk hier herunterladen (PDF):