Kreative

Die Kreativ-Illusion – Eine Kritik der kreativen Vernunft

 

Eine Idee oder ein Produkt, das die Bezeichnung kreativ verdient, entsteht aus dem Zusammenwirken vieler Einflüsse und nicht nur aus der Genialität des Einzelnen. Es ist daher leichter, Kreativität durch eine Veränderung äußerer Bedingungen zu fördern als durch den Versuch, das Individuum zu kreativem Denken anzuregen. Eine wirklich herausragende Kreativleistung ist so gut wie nie das Ergebnis einer schlagartigen Erkenntnis, einer plötzlichen Eingebung, sondern vielmehr das Resultat jahrelanger harter Arbeit.

Kreativität spielt in unserem Leben aus mehreren Gründen eine zentrale Rolle der Sinngebung. Die meisten bedeutsamen, interessanten und menschlichen Phänomene sind Ergebnisse von Kreativität. Kreativität ist so faszinierend, weil sie uns aus dem Alltag heraushebt und weil sie uns das Gefühl gibt, intensiver zu leben. Kreativität hinterlässt ein Ergebnis, das zum Reichtum und zur Komplexität des Lebens in der Zukunft beiträgt.

Kreativität entsteht aus der Interaktion dreier Elemente, die gemeinsam
ein System bilden: eine Kultur, die symbolische Regeln umfasst, eine Einzelperson, die etwas Neues in diese symbolische Domäne einbringt und ein Feld von Experten, die diese Innovationen anerkennen und bestätigen. Alle drei Elemente sind Voraussetzung dafür, dass es zu einer kreativen Idee, Arbeit oder Entdeckung kommen kann. Kreativität ist das kulturelle Gegenstück zum genetischen Veränderungsprozess, der die biologische Evolution bewirkt. In der kulturellen Evolution gibt es keine Mechanismen, die genauso wirken wie Gene, weil eine neue Idee oder Erfindung nicht automatisch an die nächste Generation vererbt wird.

Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi beschreibt in seinem Buch »Creativity« (1996; dt.: Kreativität, 1997) zehn scheinbar gegensätzliche Merkmalspaare, die bei diesen Personen häufig gemeinsam auftreten und durch ein dialektisches Spannungsverhältnis verbunden sind:

  • 1. Kreative verfügen über eine Menge physischer Energie, sind häufig aber auch ruhig und entspannt.
  • 2. Kreative sind oft weltklug und naiv zugleich.
  • 3. Kreative verbinden Disziplin und Spielerisches oder Verantwortungsgefühl und Ungebundenheit.
  • 4. Kreative wechseln zwischen Imagination und Phantasie einerseits und einem bodenständigen Realitätssinn andererseits.
  • 5. Kreative vereinen offenbar gegensätzliche Tendenzen auf dem Spektrum zwischen Extraversion und Introversion.
  • 6. Kreative fallen durch eine widersprüchliche Mischung von Demut und Stolz auf.
  • 7. Kreative entfliehen in gewisser Weise der rigiden Rollenverteilung zwischen Frau und Mann, der Femininität und Maskulinität.
  • 8. Kreative sind sowohl traditionell und konservativ als auch rebellisch und bilderstürmerisch.
  • 9. Kreative bringen sehr viel Leidenschaft für ihre Arbeit auf und können ihr doch mit einem Höchstmaß an Objektivität begegnen.
  • 10. Kreative sind durch ihre Offenheit und Sensibilität häufig Leid und Schmerz, aber auch intensiver Freude ausgesetzt.

Diese zehn widersprüchlichen Merkmale sind die vielleicht aufschlussreichsten Eigenschaften von Kreativen. Selten sind sie jedoch alle in ein und derselben Person anzutreffen.

Dieser Text ist eine verkürzte Fassung aus dem Buch Designzukunft denken und gestalten.

Dazu ergänzend: Als Coach einzelner Designer und als Moderator von Gruppen/Teams habe ich die genannten Gegensatzmerkmale immer wieder beobachten können. Diese Gegensätze machen es dem Einzelnen scheinbar nicht leicht, sich selbst einzuschätzen und zu bewerten.

Wie eine Bewertung möglich ist, dazu mehr auf der folgenden Seite.