Bewertung

Die Kreativ-Illusion – Eine Kritik der kreativen Vernunft

 

Wie lässt sich Kreativität bewerten und nach welchen Kriterien können Sie sich als Designer_in orientieren? Aus meiner Erfahrung ist hier die Trennung von Persönlichkeit und Leistung sehr hilfreich. Darüber hinaus sollten Sie auch zwischen der Eigen- und Fremdbewertung beider Aspekte unterscheiden. Dazu drei psychoanlytische und soziologische Definitionen.

Die innere Bewertungsinstanz hat der Psychoanalytiker Carl R. Rogers in seinem Buch »Entwicklung der Persönlichkeit« (1961) beschrieben: »Die vielleicht tiefste Bedingung der Kreativität besteht darin, daß die Quelle oder der Ort des wertenden Urteils im Inneren liegt. Weder Lob noch Tadel anderer bestimmen den Wert des Produkts eines kreativen Menschen, sondern er selber. Habe ich etwas geschaffen, das mich befriedigt? Drückt es einen Teil meines Selbst ausmeines Gefühls oder meines Denkens, meiner Schmerzen oder meiner Ekstase? Allein diese Fragen sind von Bedeutung für den kreativen Menschen, für jeden, der kreativ ist.« Soweit eine intrinsische Bewertung.

Der Soziologe Ulrich Bröckling definiert in seinem Buch »Das unternehmerische Selbst« (2007) den »kreativen Imperativ«, um die Positionierung zu bewerten: »[Dieser] nötigt […] zur permanenten Abweichung; seine Feinde sind Homogenität, Identitätszwang, Normierung und Repetition. Nur Unangepasste verfügen über Alleinstellungsmerkmale. […] Jeder hat nicht einfach nur kreativ zu sein, sondern kreativer als die anderen. Um in diesem Wettkampf zu bestehen, bedarf es keiner besonderen Begabung oder Ausbildung, sondern einer innere Einstellung, die man einnehmen kann oder auch nicht.« Dies zielt auf die extrinsische Bewertung ab.

Beide Bewertungsperspektiven gilt es zu verbinden. Der medizinische Psychologe und Hirnforscher Ernst Pöppel arbeitete dies in seinem Buch »Von Natur aus kreativ – Die Potenziale des Gehirns entfalten« (2012, gemeinsam mit Beatrice Wagner) heraus: »[Es ist] wenig erfolgversprechend, wenn man im stillen Kämmerlein kreative Ideen ausbrütet und sich damit nicht nach draußen traut. Eine kreative Leistung hat auch etwas von einer Selbstoffenbarung, dazu gehört Mut. Man zeigt etwas, das in einem schlummert, es wird nicht nur diese Leistung bewertet, sondern immer auch die Persönlichkeit. Mut und Kreativität bilden eine wichtige partnerschaftliche Koalition, um größere und kleinere Ziele zu verfolgen.«

Soweit die wissenschaftlichen Bewertungen. Wie sieht es in der Praxis aus? Als Coach und Moderator beobachte ich seit langem, dass Designer nicht nur die kreativen Voraussetzungen für eine realistische Einschätzung mitbringen, sondern auch die dafür wichtigen Werkzeuge oft besser kennen als sie selbst vermuten. Im Grunde ist es einfacher als vielfach behauptet. Hat man sich erstmal von den zahlreichen Klischees und Vorurteilen gelöst und lässt sich nicht mehr von den Allmachtsfantasien der Wissensoligarchen beeindrucken, dann ist der Weg frei zur Selbstbewertung und Fremdüberzeugung.

Anders formuliert: Lassen Sie sich als Designer_in nicht von selbsternannten Experten vorschreiben, wie Sie Ihre Kreativität ein- und zuzuordnen haben. Achten Sie immer auf die Partikularinteressen derjenigen, die Sie »fördern« wollen. Und berücksichtigen Sie die Sicht und Wahrnehmung Ihrer potenziellen Auftraggeber und Partner. Verstecken Sie sich nicht hinter unscharfen Etiketten. Als Designer_in haben Sie das gar nicht nötig – ist doch Ihre Berufsbezeichnung ungleich präziser als der für alle und jeden (mehr oder weniger oder anders) zutreffende Begriff »Kreativer«.

Bleiben Sie Designer_in. Das hat einen Wert!