Designer Thinking

Design-Thinking-Confusion – Eine Kritik der methodisch denkenden Vernunft

 

Wie unterscheidet sich Designer Thinking vom »Design Thinking«?

Die spanische Designerin und promovierte Professorin an der Fachhochschule Lübeck, Felicidad Romero-Tejedor, hat sich in ihrem Buch »Der denkende Designer« (2007) mit dem Paradigmenwechsel von der Ästhetik zur Kognition auseinandergesetzt. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht einer neuer Typ des denkenden Designers. Sie meint damit einen interdisziplinären Designer, der einen fundamental erweiterten Designbegriff vertritt. Ein Designertyp, der die andere Intelligenz (nach Bernhard von Mutius) vertritt. Diesen (und weitere) Gedanken von Felicidad Romero-Tejedor greife ich hier auf.

Designer sollen erkennen, welche entscheidende Rolle sie in unserer Gesellschaft in Zukunft einnehmen können. Designer haben heute die Chance, sich nicht mehr nur auf Erscheinungsbilder beschränken zu müssen, sondern eine bedeutendere Position erobern zu können. Einen Stellenwert, der auf einer substanziellen Kompetenz aufbaut.

Die postindustrielle Gesellschaft erfordert einen Designertyp, der nicht nur in Formen denkt, sondern in komplexen Kontexten der Kognition. Zukünftig müssen Designer deshalb auf einer geistig höheren Stufe arbeiten als bisher. Da inzwischen jeder, der einen Computer besitzt, Design fabrizieren kann (ein Design, das nichts ist außer Styling), ist es notwendig, ein zeitgemäßes Berufsbild zu entwerfen. Aus Sicht der Autorin verschmelzen Grafikdesign und Industriedesign zu einem allgemeinen Mediendesigneinem Design für die Kommunikationsgesellschaft. Das, was unten (bei den leichten Aufgaben) verloren geht, muss oben (bei den schwierigen Aufgaben) professionell zurück- bzw. hinzugewonnen werden.

Das Design der Kommunikationsgesellschaft muss die Vernetzung unseres Denkens und Handelns ins Zentrum rücken. Der deutsche Biochemiker und Umweltexperte Frederic Vester (1925–2003) hat den Begriff des vernetzten Denkens geprägt. Ein Design, das ein solches Denken adaptiert, belässt dem Menschen die Kontrolle seiner Handlungen. Der Designertyp, der sich durch intellektuelle Anstrengungen ernsthaft der vernetzten Weltkomplexität stellt, wird den vorwiegend Ideen produzierenden, bildnerischen Designer ablösen. Dieser denkende Designer ist kein bloßer Theoretiker, kein Designphilosoph. Aber er entwickelt sich über den am Objekt orientierten Praktiker hinaus, bewegt sich auf vielen Feldern und ist interdisziplinär (wirklich und nicht nur rhetorisch).

In diesem Zusammenhang ist auf Otl Aicher zu verweisen, der ein Glücksfall ist, ein seltener Vogel (rara avis). Umso bedauerlicher, dass er in der Welt der Designer als Denker zu unbekannt geblieben ist. Hätte sich Otl Aicher (der denkende Designer) als der Prototyp und die professionelle Figur eines Designers kontinuierlich weiterentwickelt, müsste das heutige Design nicht unter seinem gesellschaftlich eher unbedeutenden Stellenwert leiden. Denn einst repräsentierte Otl Aicher (aber auch andere Mitglieder der HfG Ulm) eine viel versprechende und ernst zu nehmende Disziplin.

Solange also denkende Designer in der Minderheit sind, bleibt Design eine eher harmlose, ästhetische, d.h. formgebende Sparte in unserer Gesellschaft. Aus dieser, ihm aufgezwungenen Lage, wird sich der Designer erst befreien können, wenn er nicht nur Objekte und Zeichen entwirft, sondern auch Inhalte und Haltungen. Das Ziel des heutigen Designs ist das reine Marketing – als Durchsetzungsmittel des konsumorientierten Industriekapitalismus. Die daraus resultierenden akuten Probleme unserer Gesellschaft können erst dann nachhaltig gelöst werden, wenn sich ein Identität erzeugendes Design gegen das Marketing durchsetzt.

Felicidad Romero-Tejedor stellt in ihrem Buch abschließend fest, dass der denkende Designer odysseisch denkt. Zwischen der analytischen, einer Logik folgenden Vorgehensweise und dem intuitiven, synthetischen Denkstil gibt es für sie noch den odysseischen Typus, der auf seinen Irrfahrten an der Orientierung auf sein Ziel konsequent festhält. Dieser Typus kann mit Undefiniertheit und Ungewissheit umgehen. Er findet auch dann zum Ziel, wenn der Weg dorthin nicht linear verläuft. Dieser Typus denkt nicht-linear. Der Odysseus-Designertyp riskiert mehr in seinen Innovationen.

Damit entspricht der denkende Designer dem Typus des Entrepreneurs in Abgrenzung zum arrivierten Unternehmer. Das erklärt auch den Unterschied zwischen Identität (Design) und Konsum (Marketing).

Dieser Text ist eine verkürzte Fassung aus dem Buch Designzukunft denken und gestalten (in Kapitel 11.5).


Wie »Design Thinking« in Prozessen eingesetzt werden kann, mehr auf er nächsten Seite.